Den Kreuzweg beten - heute

 
Wenn wir das Kreuzzeichen machen, erinnern wir uns unbewusst an den Kreuzweg Jesu. Wir laden Sie ein, diesen Weg heute bewusst mitzugehen, uns an sein Leiden und Sterben zu erinnern, aber auch die Menschen heute mit ihrem Leid und Schmerz in den Blick nehmen:
 

1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

Es war am Rüsttag des Paschafestes, ungefähr um die sechste Stunde. Pilatus sagte zu den Juden: Da ist euer König! Sie aber schrien: Weg mit ihm, kreuzige ihn! Pilatus aber sagte zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser. Da lieferte er ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt würde.
Joh 19, 14-16
 
Auch heute werden Menschen verurteilt, die „anders“ sind, Menschen, die nicht in „unser Bild“ passen, Menschen, auf die wir unsere Schuld projizieren können. Auch Vor- und Verurteilen, Schweigen, Wegschauen, Unterlassen von Hilfe kann Kreuzigung bedeuten.
 

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.
Jes 53, 4-5
 
Es gibt Menschen, die um liebe Verstorbene trauern, die sich einsam und im Stich gelassen fühlen, die alleine damit nicht fertig werden, die vielleicht Schuldgefühle haben. Es gibt Menschen, die krank sind, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch, die ihre Krankheit und Gebrechlichkeit mit viel Geduld ertragen, ohne zu jammern und zu klagen. Es gibt Menschen, die bemerkenswert ihr Kreuz tragen, z.B. Familien mit Behinderten oder Schwerkranken. Es gibt Menschen, die für andere ein Kreuz tragen, sich unermüdlich einsetzen und aufopfern, die dafür selbst an ihre Grenzen gehen, die dafür ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. In Krisen- und Kriegsgebieten, wenn Unfriede, Gewalt, Hunger und Not herrscht, da tragen Menschen besonders schwere Kreuze. 
 

3. Station: Jesus fällt zum ersten Male unter dem Kreuz

Der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Jes 53, 6b-7
 
Auch heute liegen Menschen am Boden niedergedrückt von ihrer Last, die sie zu tragen haben. Diese Station zeigt uns, Menschen brechen zusammen, wenn ihnen die Last, die ihnen aufgeladen ist, zu schwer wird. Es kostet sie die letzte Kraft. Sie macht aber auch Mut wieder aufzustehen, durchzuhalten, nicht aufzugeben.
 

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Bei dem Kreuz standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter!
Joh 19, 25-27a
 
Ein liebender Blick seiner Mutter, in dem Augenblick, in dem Jesus nur Hass und Verachtung erfährt - ein Augenblick, der den schweren Weg Jesu etwas leichter macht. Das geteilte Leid vermindert die Last. - Wenn jemand leidet, ist es gut, wenn mitfühlende Menschen bei ihm sind und ihm beistehen.
 

5. Station: Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage.
Lk 23,26
 
Ein Kreuz aufgeladen, die eigenen Bedürfnisse unterordnen und andere Menschen unterstützen, auf die Verwirklichung eigener Pläne verzichten. Auch heute stehen Menschen anderen bei und kümmern sich in vielfältiger und großherziger Weise um ihre Mitmenschen, zu Hause, in Krankenhäusern, Pflegeheimen, in Sozialstationen und Pflegediensten, Nachbarschaftshilfen, in Tafelläden, in Pfarrgemeinden, sozialen und caritativen Einrichtungen, Schulen und Kindergärten, im Einsatz für Benachteiligte, im Dienst für eine gute Gemeinschaft - sie alle werden zum Segen für andere.
 

6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
Jes 50,6
 
Veronika tut das Naheliegende, sie reicht Jesus das Schweißtuch, es ist die letzte Möglichkeit zu helfen - ein weiterer Augenblick, der den schweren Weg Jesu etwas leichter macht. Veronika wird aktiv, jeder kann aktiv werden und mitmenschlich handeln. Auch heute versuchen Menschen anderen im Leiden und in der Not beizustehen, ihnen Trost und Halt zu geben, die Last kleiner werden zu lassen.
 

7. Station: Jesus fällt zum zweiten Male unter dem Kreuz

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet. Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf: „Er wälze die Last auf den Herrn, der soll ihn befreien! Der reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat.“
PS 22, 7-9
 
Ein Weg in Einsamkeit und Ungewissheit. Die Welt ist voll von Beispielen erschöpfter Menschen. Sie brechen zusammen und haben kaum Energie wieder aufzustehen. Denken wir an die Opfer von Gewalt und Verfolgung. Denken wir an diejenigen, die sich Tag und Nacht unermüdlich um andere kümmern, die sich selbst aufgegeben haben. An Menschen, die ohne Hoffnung sind, die verzweifelt sind, alleine. - Jesus wendet sich betend an den, von dem allein noch Hilfe kommen kann.
 

8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder!
Lk 23, 27-28
 
Tränen sind Ausdruck des Mitleidens. Auch heute weinen Menschen, sie nehmen Anteil, sind betroffen. Die Tränen der Frauen sprechen wortlos aus: “Uns ist es nicht gleichgültig, wir möchten gerne helfen, aber wir können es nicht.” - Menschen brauchen Kraft und Mut um aktiv zu werden, um zu Handeln und füreinander einzutreten.
 

9. Station: Jesus fällt zum dritten Male unter dem Kreuz

Ich bin hingeschüttet wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder. Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen. Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes. Viele Hunde umlagern mich, eine Rotte von Bösen umkreist mich. Sie durchbohren mir Hände und Füße.
PS 22, 15-17
 
Ohnmächtig, niedergedrückt von der Last des Kreuzes – auch heute empfinden Menschen das Leben nur noch als Last, sind am Ende ihrer Kräfte, weil sie zu viel zu tragen haben, weil sie im Dienst an ihren Mitmenschen auf zu vieles verzichten, weil ihnen zu viel zugemutet wird, weil sie sich hin und her gerissen fühlen, weil sie vergebens gegen die Last ankämpfen. 
 
 

10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

Die Soldaten nahmen seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen. Sie nahmen auch sein Untergewand, das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war. Sie sagten zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies führten die Soldaten aus.
Joh 19, 23-24
 
Auch heute verlieren Menschen durch das Verschulden anderer ihre Würde, sie werden verspottet, verletzt und öffentlich fertig gemacht. Vielen Menschen auf der Welt fehlt es an Kleidung, Nahrung und Medikamenten, sie sind schutzlos.
 

11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Lk 23, 33-34
 
Menschen werden gekreuzigt, festgenagelt - das gibt es auch heute: Menschen sind in ihren Mitteln so eingeschränkt, Kindern wird Bildung verweigert, sie sind zu Kinderarbeit gezwungen. Täglich erreichen uns Berichte über Gewalt und Missbrauch.
 

12. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Es war etwa um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei, und Jesus rief laut: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus.
Lk 23, 44-46
 
Jesus ist seinen Weg zu Ende gegangen, unbeirrbar, konsequent. Er ist Gott und sich selbst treu geblieben bis in den Tod. Auch heute braucht unsere Welt Menschen mit Zivilcourage, die sich entschieden für eine menschenwürdige Zukunft einsetzen, sie braucht Christen, die zu ihrem Glauben stehen und sich dafür engagieren.
 
 

13. Station: Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu, aber aus Furcht vor den Juden nur heimlich. Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus erlaubte es. Also kam er und nahm den Leichnam ab.
Joh 19,38
 
Auch heute leiden Mütter und Väter sehr, wenn ihre Kinder durch Krieg, Gewalt, Katastrophen, Krankheit oder Unfall sterben.
 
 

14. Station: Jesus wird ins Grab gelegt

Und Josef von Arimathäa nahm ihn vom Kreuz, hüllte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch niemand bestattet worden war. Das war am Rüsttag, kurz bevor der Sabbat anbrach. Die Frauen, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, gaben ihm das Geleit und sahen zu, wie der Leichnam in das Grab gelegt wurde.
Lk 23, 53-55
 
Auch heute gibt es Situationen, in denen alles still zu stehen, am Ende zu sein scheint, ausweglos, sinnlos. Es fällt schwer im Angesicht des Todes an ein neues Leben zu denken. - Die Auferstehung ist unser Glaube und unsere Hoffnung.
 
 

15. Station: Jesus ist auferstanden

Ich bin das Licht der Welt. 
Joh. 8,12 
 
Ostern ist ein großes Geheimnis des Glaubens, über das wir nur staunen können: Jesus lebt! Der Finsternis des Karfreitags mit all den Krankheiten und Ungerechtigkeiten, dem Leiden und Tod folgt der Aufgang der Sonne. Freuen wir uns, denn Ostern gibt uns Christen Hoffnung und Kraft - durch Ostern sieht die Welt für uns anders aus. 
 
 

 
Quellenangaben:
  • Kreuzweg der katholischen Pfarrkirche St. Bruno (Steinbachtal) Würzburg.
    Gemalt von Curd Lessig 1984. Fotoaufnahmen von Annika Zeller 2024. 
  • Stationen aus dem Kreuzweg im Gotteslob Nr. 683 und Gedanken mit aktuellem Bezug / cw 2020.